Körper und Geist

Belastbarkeit berücksichtigen


Physis

Wenn Du noch nie eine längere Radreise unternommen hast, wirst Du noch kein Gefühl dafür haben, was Du Dir beim ersten mal zumuten kannst. Und vielleicht ist das sogar der Grund, warum Du noch zögerst. Natürlich ist die Auseinandersetzung mit deinen körperlichen Voraussetzungen, Deiner Leistungsbereitschaft (oder Bequemlichkeit), Deiner psychische Belastbarkeit sowie Deinen Erwartungen und Ängsten sehr wichtig für das Gelingen der Reise. Das bedeutet, sich realistisch und ehrlich einzuschätzen und zumindest am Anfang nicht zu viel vorzunehmen. Aber es bedeutet nicht, sich von ein paar individuellen Unzulänglichkeiten abschrecken zu lassen.

      

Versuche als Erstes, Deinen Trainingszustand realistisch einzuschätzen. Wer im Alltag regelmäßig seine Wege mit dem Rad zurücklegt oder regelmäßig Ausdauersport betreibt, hat sicherlich einen kleinen Startvorteil, aber der ist meiner Meinung nach nicht allzu groß, weil die Belastungen im Alltag und auf Reisen nicht direkt vergleichbar sind. Langstrecken-Reiseradeln lässt sich halt nicht wirklich sinnvoll trainieren, es sei denn man würde täglich mit schweren Gepäcktaschen mindestens 20 Km zur Arbeit und zurück fahren. 


Die Kondition kommt mit der Reise, Du musst sie nicht mitbringen. Aber Du musst ihr Zeit geben, sich zu entwickeln.


Kraft ist im Gegensatz zur Kondition eher eine Frage der "Übersetzung". Hier lässt sich eine fehlende körperliche Grundausstattung durch eine ausreichende Gangschaltung, bewußtes Fahren in niedrigeren Gängen und gewichtsreduziertes Packen positiv beeinflussen. Du musst also kein Bodybuilder sein, wenn Du aktiv Deine Schaltung nutzt. Ansonsten gilt auch hier,  die Kraft kommt mit dem Tun. Du darfst es nur nicht erzwingen, gib Dir einfach ein bißchen Zeit.

 

Denk daran, bei deiner Radreiseplanung auch Topografie und die Wetterbedingungen zu berücksichtigen, gerade wenn du nicht zu den Topathleten gehörst. Denn Fahren im Gelände mit Steigungen, egal ob lange flache, kurze steile oder auch nur kurze flache, kostet Kraft und Kondition. Das gilt auch, wenn man gegen den Wind fährt. 

 

Wenn man erst einmal am körperlichen Limit agiert, weil man sich zu viel vorgenommen hat oder wenn man unter Zeitdruck gerät, weil man nicht schnell genug vorankommt,  dann kann das schnell in Stress umschlagen. Mal ganz abgesehen davon, dass dann auch kein Erholungseffekt eintritt, zerstört so eine Erfahrung die ganze Motivation und dann war die erste schon die letzte Radreise. Also ganz ruhig und sich nicht zuviel vornehmen...

 

Wichtig, um gut "reinzukommen" ist ein gedimmter Anfang der Radreise, bei dem man die Leistung langsam hochregeln kann. Viele geben am Anfang alles und gleichen fehlende Kondition durch Kraft aus. Das ist großer Käse, denn wenn man Pech hat, bedanken sich dann die Knie für diese Hauruckaktion mit unerfreulichen Schmerzen, die bis zum Tourabbruch führen können (alles schon erlebt)! Wer untrainiert ist wird die ersten Tage immer brauchen, um sich "einzufahren". Das kann nicht nur bedeuten, dass man mal außer Puste ist (oder halt nicht so weit kommt in den ersten Tagen), sondern, dass es auch am Hintern eine Weile unbequem werden kann. Meist gehts damit - je nach Sattel und Radhose - am zweiten bis dritten Tag los und bleibt ein paar Tage. Wenn man nur eine Woche hat, dann kann das leicht zum "prägenden" Eindruck der Radreise werden.

 

Handicaps

Ein verbundenes Knie
Das Knie schmerzt oft

Neben der Kondition und Kraft, die Du mitbringst, solltest Du auch Rücksicht auf mögliche andere körperliche Beeinträchtigungen nehmen. Wenn zum Beispiel deine Knie bereits vorgeschädigt sind, solltest Du besondere Vorsicht walten lassen. Aber auch empfindliche Handgelenke wollen geschont werden. Ebenfalls können Vorschädigungen der Schultern oder am Rücken lange Lenkzeiten verhindern. Das muss Dich aber alles nicht von einer Radreise abhalten. Solche Handicaps kannst Du durch deine Routenplanung und deinen Fahrstil günstig beeinflussen. Einfach weniger kraftbetont fahren, auf die richtige Sitzposition achten und öfter mal ne Pause einlegen kann da schon helfen... Und wenn Du schon eine Pause machst, dann kannst Du bei der Gelegenheit einen Blick auf Deine Fahrradkarte werfen. Was nämlich gerne vergessen wird: Wer eine Lesebrille braucht, wird Schwierigkeiten haben, während der Fahrt seine Landkarten oder das Handy zu entziffern. 

 

Aber im Ernst: Wer gesundheitliche Vorbelastungen oder psychische Probleme hat, sollte vorher auf jeden Fall mit seinem Arzt sprechen! Du kannst das natürlich auch tun, wenn Du selber eigentlich keine Zweifel hast, sicher ist sicher.

 

Wenn Du Dir eine angemessene Reiseroute ausgesucht hast und nicht an besonderen Vorbelastungen oder Krankheiten leidest, spricht aber in aller Regel nichts gegen eine Radreise

Bei einer gewissen Abhängigkeit von einer medizinischen Versorgung sollte allerings das Reiseziel entsprechend sogfältig ausgewählt werden.

 

Psyche

Neben der Frage, was man körperlich schaffen kann, sollte man aber auch ins Kalkül ziehen, wievel Strecke man eigentlich täglich fahren will. Denn wer weniger den sportlichen Aspekt, sondern das Erleben von Landschaft und Kultur, die Begegnungen mit Menschen oder das Fotografieren in den Vordergrund stellen möchte, sollte sich nicht zu viele Kilometer vornehmen. Schließlich warten am Wegesrand Unmengen an Sehenswürdigkeiten, Inspirationen und Fotospots. Es ist keine Schande, sich Zeit zu lassen. Andererseits gibt es auch Viele, denen die körperliche Betätigung besonders wichtig ist und denen Sport einfach Spass macht. Die sich selber spüren wollen und durch das gleichförmige, meditative Strampeln erst richtig runterkommen. Diese unterschiedlichen Anforderungen sollte man auch bei der Wahl der Mitreisenden berücksichtigen.

 

Es schadet also nicht, sich über seine eigenen Erwartungenan die Reise klar zu werden. 

 

Körper und Geist werden darüber hinaus unabhängig von der individuellen Fittnes und dem Willen der Reisenden auch durch das Klima am Reiseziel beeinflusst. Manche lieben es, bei heißem oder schwülen Wetter alles abzuwerfen und nur mit dem Nötigsten bekleidet den Fahrtwind am Körper zu spüren, während ein Mitreisender unter Umständen Kreislaufprobleme bekommt oder Kopfschmerzen. Die Laune des gleichen Teams kann aber unter Umständen bei frischem, herbstlichen Wetter genau umgekehrt sein, wenn der eine in seinen Wind-und Regenjacken schwitzt und bei jedem Halt auskühlt, der andere aber die klare Luft genießt, und sich körperlich und geistig pudelwohl fühlt.

 

Noch eine Anmerkung zur Psyche: Die eigenen Ängste im Vorfeld ins Auge zufassen, kann ebenfalls nicht schaden. Oft nimmt man diese ja nicht richtig ernst oder will ihnen nicht zuviel Gewicht geben. Verdrängen nutzt aber nichts, auf der Radreise wird man früher oder später mit seinen Schatten konfrontiert. Dann ist es gut, sich vorher schon einmal damit befasst zu haben. Wer z.B. Probleme mit allzu einsamen Landstrichen hat, sollte darauf achten, solche Streckenabschnitte nicht zu lang zu wählen oder sie zumindest nicht ans Tagesende in die Abenddämmerung zu legen. Eine 12 Kilometer (also ca. 1 Stunde kontinuierliches bummelradeln) lange, menschenleere Waldpassage, ein Hochmoor oder einen Pass ohne Handyempfang würde ich mir dann eher für den nächstenTag aufheben. Auch ein aufkommendes Gewitter kann empfindlicheren Gemütern arg zusetzen. Und weil das tatsächlich eine brenzlige Situation werden kann, sollte man daher keine Mutprobe aus der Weiterfahrt machen, sondern sich eine Gelegenheit suchen, um das Gewitter vorüber ziehen zu lassen. Womit man auf Radreisen ebenfalls rechnen muss sind Hunde. Am Zaun,  beim Gassi gehen oder auch man frei streunend gehören sie zu den täglichen Erscheinungen unterwegs. Wenn man Angst vor Hunden hat, dann tut man gut daran, sich darauf einzustellen und in Gelassenheit zu üben, sonst wird man auf der Fahrt keine Freude haben. Aber selbst mir gelingt das und die meisten sind ja wirklich harmlos...


Wie oben ausgeführt, muss jeder seine persönlichen Umstände berücksichtigen. Ich habe seit meiner Dänemarktour einen Knieschaden. Bei der ersten kraftvollen Beanspruchung ist der Schmerz im Knie und geht tagelang nicht weg. Aber mit Hilfsmitteln wie Kniemanschetten ist eine Radreise für mich kein Problem! 

 

Ich plane meine Routen so, dass es körperlich nicht zu anstrengend wird. Für meine ersten Radreisen habe ich noch trainiert, aber das hat letztlich nicht viel gebracht. Viel mehr bringt mir das gute "Einfahren" am Anfang. Das beobachte ich auch immer wieder bei meinen  meist untrainierten Reisebegleitungen. Am ersten Tag lasse ich es ruhiger angehen und gewöhne mich erst einmal an das Fahren mit Gepäck. Es brauch sowieso eine Weile, ehe alles rund um's Rad "flutscht". Also wähle ich zu Beginn keine langen oder steigungsreichen Strecken. 

 

Nach ca. 3 Tagen kann ich meinem Körper etwas mehr zumuten, wenn es den unbedingt sein muss, weil es z.B. die Route verlangt. Aber ich achte immer darauf, meine Kraft dosiert einzusetzen und die Gelenke nicht zu überfordern. Ich muss nicht als erster auf dem Berg sein. Im Zweifel wird halt auch mal geschoben.

 

Für mich bedeutet entspanntes Fahren, mindestens eine große Pause am Tag zu machen und mir unterwegs viel Zeit zum Umschauen und zum Fotografieren zu nehmen. Dafür mehme ich in Kauf, weniger Kilometer am Tag zu schaffen, als es vielleicht möglich wäre. Aber ich brauche das Gefühl, ohne Zeitdruck zu sein, und auch dafür brauche ich die ersten Tage. 

 

Wenn erst mal alles eingespielt ist, schreckt mich persönlich auch ein heißer Sonnentag nicht ab, ich genieße das sogar. Aber da ich schnell zu Sonnenbrand neige, muss ich mich immer zwingen, nicht zu unbedeckt zu fahren. Die Strafe dafür lautet ansonsten, drei Tage "vermummt" fahren zu müssen. Bei Hitze definitiv kein Spass...