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In den Zug mit dem Reiserad

Die Bahn könnte eigentlich das attraktivste Verkehrsmittel für den Radreisenden sein, um die Anreise oder Überbrückungsfahrten zu gestalten. In Nahverkehrszügen und Regionalzügen ist die Radmitnahme auch noch relativ einfach. Man muss nur das unübersichtliche Tarifsystem verstehen und sich eine passende Fahrkarte für das Fahrrad besorgen. Im Fernzug kommt allerdings noch eine Stellplatzreservierung dazu, die nicht Teil der Fahrradkarte ist.

 

Auf den Bahnsteig und dann in den Zug zu kommen zu kommen bedeutet leider oft Stress. Der lässt sich aber begrenzen, wenn man weiß was zu tun ist. Ich habe Dir deshalb mal eine Anleitung für den Zugeinstieg zusammengestellt:

  1. Am wichtigsten ist es, rechtzeitig am Bahnhof zu sein. Je nachdem, wie du dorthin kommst, solltest Du Dich frühzeitig auf den Weg machen. Ich habe schon einmal einen Zug verpasst, weil ich die Fahrzeit zum Bahnhof zu knapp kalkuliert hatte (nun gut, es kamen auch noch andere unglückliche Umstände hinzu: eine Tüte war zu dicht am Reifen befestigt und scheuerte durch, so dass meine Getränke und Lebensmittel sich über einen halben Kilometer entlang meiner Fahrtstrecke auf der Straße verteilt haben. Am Bahnhof angekommen gab es dann einen Gleiswechsel, so dass ich dem abfahrenden Zug gerade noch zum Abschied winken konnte...).

  2. Geh zu dem elektronischen Anzeiger für die Ankunft/Abfahrt in der Empfangshalle (oder wo auch immer der versteckt ist) und suche Dir dort den richtigen Bahnsteig für deinen Zug. Dieser Anzeiger ist aktueller als die gelblichen Papieraushänge.

  3. Plane immer genug Zeit für den Aufstieg zum Bahnsteig ein, selbst wenn er mit Aufzügen erreichbar ist. Nicht wenige Aufzüge sind defekt und wenn sie funktionieren geht meist nur ein Radwanderer hinein. Und wenn man Pech hat, sind vor einem in der Schlange noch zwei Mütter mit Kinderwagen oder -oft genug erlebt- Überseetouristen mit überdimensionierten Reisekoffern vor einem. 

  4. Wenn Du die Treppe nutzen musst, wirst Du mehrmals laufen müssen, erst mit den Taschen und dann mit dem Fahrrad (oder umgekehrt). Wohl oder übel müssen bei der Aktion beim Alleinreisenden  entweder Taschen oder Rad unbewacht bleiben. 

  5. Am Bahnsteig angekommen (vorausgesetzt, es ist der Richtige) ist der erste Gang des Radreisenden der zum Wagenstandsanzeiger, um zu schauen, in welchem Abschnitt des Bahnsteigs das Piktogramm des - bei Fernzügen einzigen - Fahrradabteils vermerkt ist. An der vermerkten Stelle in dem betreffenden Bahnsteigsabschnitt  sammeln sich manchmal schon mehrere Radfahrer - wenn Du mutig bist, kannst du den ersten Schritt überspringen und gleich dorthin gehen. 

  6. Dort löst Du Deine Taschen vorsichtig, um vorbereitet zu sein, falls es keinen ebenerdigen Einstig gibt (bei Fernbahnen die Regel). Lass sie aber noch auf dem Fahrrad! Denn in jedem zweiten Fall stimmt - zumindest bei Fernzügen - die Zugreihung in Bezug auf das Fahrradabteil nicht mit dem Wagenstandsanzeiger überein. Wenn Du dann vom hinteren Ende des Bahnsteigs zum vorderen musst, vorbei am Gedränge der anderen Passagiere, die ja auch in den Zug wollen, dann könnte Dir das einen entscheidenden Zeitvorteil bringen. Vorausgesetzt, dass nicht in letzter Sekunde für Deinen Zug der Bahnsteig gewechselt wird, denn dann bist Du geliefert. 

  7. Wenn es gut läuft, wirst du außen am richtigen Wagon das Fahrradpiktogramm erkennen. Mal größer, mal kaum erkennbar. Meist musst Du diesem dann noch ein paar Meter nach Links oder Rechts nachlaufen. Erst wenn der Zug richtig steht und Du auch, nimm die Taschen vom Rad. 

  8. Wenn Du eine barrierefreie Regionalbahn erwischt hast, brauchst Du nur noch das Rad mit Spanngurten festzurren und Dich in der Nähe hinsetzen -fertig (die nachfolgenden Ausführungen sind jetzt nur noch zu Deiner Erheiterung...).

  9. In Fernzügen muss man oft mehrere Stufen überwinden. Mit den Taschen auf dem Rad einzusteigen kann ich deshalb niemandem empfehlen. Denn dann steht das Rad so schräg, dass die Taschen nach unten verrutschen oder abreißen können. Oder sie bleiben im Türrahmen hängen, denn der ist meist schmaler als ein bepacktes Fahrrad. Aber damit nicht genug, denn ist man erst einmal oben angelangt geht es im rechten Winkel herum weiter. Das Fahrrad muss im Stand um die eigene Achse gedreht werden, denn Raum zum rangieren ist nicht vorhanden. Also müssen Rad und Taschen wieder getrennt eingeladen werden. Von allen Radfahrern gleichzeitig - ein herrliches Chaos! Fang mit dem Rad an. Das ist wahrscheinlich Dein wertvollster Gegenstand.

  10. Ist man dann bei den Fahrradstellplätzen angekommen, geht dort meist ebenfalls alles drunter und drüber. Alles voller Räder, Taschen und Menschen. Man kann nirgends mehr richtig hintreten und muss dabei auch noch den Diskussionen der anderen Radreisenden lauschen, die sich um falsch platzierte Räder zanken. Beteilige Dich erst mal nicht daran, sondern hol lieber Deine Taschen rein, die Du an der Bahnsteigkante stehen lassen musstest (und die hoffentlich noch da sind). Dazu musst Du allerdings in den engen Gängen an den anderen Reisenden, die noch einsteigen, wieder vorbei.

  11. Das ist der wirklich stressigste Teil der Reise. Denn die Zeit des Zuges in der Station ist meist auf ein paar Minuten begrenzt, und wenn es nicht richtig vorangeht, kann einen leicht die Panik packen. Man malt sich dabei die übelsten Szenarien aus, was passieren könnte. Angefangen damit, dass das Gepäck auf dem Bahnsteig zurück bleibt, weil man nicht mehr rauskommt, aber auch, dass man selber nicht mehr wieder in den Zug hineinkommt und nur das Rad allein die Reise antritt. So etwas passiert aber nur selten. Die Schaffner haben meistens alles im Blick, auch wenn sie manchmal nicht zu sehen sind. 

  12. Versuche also, ruhig zu bleiben, hektisch genug sind ja schon die Anderen. Häng deinen Reservierungsabschnitt (nicht dein Fahrticket!) an das Rad, wuchte es in die Halterung und geh mit einer oder zwei Taschen zu Deinen vorreservierten Sitzplätzen. Meist ist das mehrere Wagons entfernt und es macht auch wenig Freude, weil es noch voll in den Gängen ist. Aber die Sitzplatzreservierung verfällt nach einer Viertelstunde, und es wär doch schade, wenn dort jemand anders sitzt. Wenn Du deine Sitzplätze dann mit den Taschen erneut erkennbar "reserviert" hast, kannst Du in Ruhe den Rest Deiner Sachen holen.

 

Wer Pech hat darf dieses Spektakel auf einer einzigen Fahrt auch mehrere Male über sich ergehen lassen, um sein vermeintlich "exotisches" Reiseziel zu erreichen. Kein Wunder, dass der Transport mit dem Fernbus immer attraktiver für viele Fahrradreisende wird...

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