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Kassel-Hannover 2022


Nach der unglücklich und vorzeitig zu Ende gegangenen Tour im Frühsommer wuchs nach mehreren Monaten Zwangspause mein Wunsch, mir vor dem Wintereinbruch noch einmal kurz die Füße zu vertreten - auf dem Rad natürlich. 

 

Als Ende September bei einem Freund die Reisebegleitung kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen ausfiel, konnte ich spontan als Ersatzmann einspringen. Die beiden hatten sich für eine kurze Tour den Weserradweg ausgesucht, weil er von Berlin aus gut zu erreichen ist und keine besonderen Anforderungen an die Fahrer stellt. 

 

Landschaftlich ist das auch eine schöne Tour. Leider entschied sich das Wetter kurzfristig, unbeständig zu werden. Und so war neben sonnigen Phasen wieder alles dabei, Kälte, Wolken, Wind und Regen. Glücklicherweise hatte die Heizperiode schon begonnen und in allen Quartieren gingen die Heizungen. So hatten wir die Möglichkeit, am Abend alles wieder zu trocknen.


Die Route


Streckencharakteristik

Unsere Radreise ging durch das malerische Weserbergland, eine alte Kulturlandschaft, an der die Urbanisierungswellen der letzten zwei Jahrhunderte weitgehend schadlos vorbeigegangen sind. Die ganze Gegend wirkte zuweilen wie aus der Zeit gefallen mit ihren malerischen Dörfern und kleinen Städtchen, ihrer Mischung aus Wäldern, Feldern und dem ruhigen Fluss in der Mitte. Kein Wunder, dass hier die Heimat zahlreicher Märchen und Sagen sein soll, von Münchhausen, Aschenputtel, Frau Holle, Rapunzel, Dornröschen und natürlich dem Rattenfänger von Hameln.  


Rathaus Holzminden im Stil der Weserrenaissance

Entlang der Weser finden sich auch noch zahlreiche Zeugnisse der Weserrenaissance, eines Baustils, der sich in zahlreichen Schlössern, Burgen und Rathäusern abbildet. Darüber hinaus konnten die Städte und Dörfer der Region über die Jahrhunderte auch den Großteil ihrer Fachwerkarchitektur und ihres historischen Stadtbildes bewahren. 

Radweg in den Hügeln des Weserberglands

Die Landschaft an der Weser erwies sich als sehr abwechslungsreich, mal war das Tal sehr weiträumig, dann wieder eng.  Störungen durch Industriegebiete, Schnellstraßen usw. hielten sich sehr in Grenzen. Viele Abschnitte waren sogar ausgesprochen naturnah. Uns kam die Region vor, als läge sie am Rande Deutschlands und nicht in dessen Mitte. 

Radweg an der Weser

Wir konnten überwiegend auf eigenen Radwegen fahren, die meist auch gut asphaltiert waren und wenn nicht, sich trotzdem gut fahren ließen. Gelegentlich war die Breite der Wege etwas zu knapp bemessen, aber Gegenverkehr war immer problemlos möglich. Ab und an parallel laufende Straßen störten mangels Verkehr kaum.

schwimmende Plattform am Weserufer

Ausgesprochen gut war die Pauseninfrastruktur, Es gab regelmäßig Bänke, Tische und Unterstellhäuschen, die gut gepflegt waren und oft auch eine reizvolle Aussicht boten. Am schönsten waren die regelmäßig am Ufer liegenden Plattformen für die Wasserwanderer. Diese schwimmenden Stege konnten auch wir Radwanderer gut nutzen. 

ein Steg am Steinhuder Meer

Nördlich der Porta Westfalica wurde es niedersächsisch-flach. Wir verließen die Weser und fuhren nach Osten, quer durch die Hügel bei Bad Rehburg  und ausgedehnte Moore am Steinhuder Meer, ehe wir dessen weite Wasserfläche erreichten. Über Mittellandkanal und Leine erreichten wir schließlich unser Ziel Hannover.


Es folgen die einzelnen Etappen. Fotos und die Tracks dazu waren ursprünglich über Komoot eingebettet. Beim Klicken auf die Fotos wurde man zur Plattform weitergeleitet und konnte sich ohne Anmeldung weitere Fotos anschauen. Das ist nun leider vorbei. Komoot hat sich seit der Übernahme -nicht nur was das angeht- meiner Meinung nach nicht zum Besten entwickelt. Fotos ohne Anmeldung gibt´s nicht mehr.

 

Wenn Du Dir aber nur die Karte der Etappe größer anschauen willst, ohne zu Komoot weitergeleitet zu werden, kannst Du weiterhin einfach auf die kleine Karte unten rechts klicken. Sie wechselt dann hier auf der Seite in den großen Rahmen.


Tag 1

Startort der Tour war der Bahnhof Wilhelmshöhe in Kassel. Von dort ging es erst einmal durch Wohnviertel bergab in die Kasseler Innenstadt. Es war das letzte Documenta-Wochenende, die Stadt war voller Kunstinteressierter und es kam ein bisschen Festival-Atmosphäre auf.  Wir ließen das Geschehen kurz auf uns wirken, dann ging es weiter hinunter zur Orangerie und den Karlsauen am Ufer der Fulda. Vorbei an ein paar Kunstinstallationen verließen wir die Stadt.  Durch sanfte Hügel und dichte Wälder folgten wir der Fulda nun nach Norden bis zu deren Vereinigung mit der Werra in Hannoversch Münden. Ab hier hieß der Fluss nun Weser und war unser enger Begleiter bis kurz vor Stolzenau.   


Tag 2

Nachdem der Abend doch recht grau und frisch war, begrüßte uns der neue Reisetag mit strahlendem Sonnenschein. Vor dem Rathaus war am Morgen ein bunter Markt aufgebaut worden, der die Stadt gleich viel lebendiger machte. Wir verließen Hannoversch Münden über die alte Werrabrücke nach Norden. Vor uns lag einer der idyllischsten Abschnitte unserer Tour. Auf dem Weg zwischen den bewaldeten Hügeln und den Wiesen am Fluss befand sich nicht eine einzige Stadt, dafür aber das kleine Kloster Bursfelde mit seiner romanischen Kirche aus dem Jahr 1093. Dort gönnten wir uns eine längere Pause auf einer schwimmenden Plattform in der Weser, bevor wir uns in Richtung Solling aufmachten. An den südlichen Ausläufern dieses kleinen Mittelgebirges wurden wir kurz vor unserem Ziel Bad Karlshafen dann noch einmal richtig gefordert, denn es ging ein paar mal kurz, aber knackig bergauf. Leider begann es zum Abend hin zu regnen, so dass die französische Anmutung der weißen Hugenottenstadt Bad Karlshafen leider nicht richtig zur Geltung kam.


Tag 3

Ganz anders als am gestrigen Tag lagen heute gleich mehrere kleinere Städte auf unserem Weg, die von der reichen Geschichte der Region zeugten. Das Wesertal teilen sich immerhin drei Bundesländer. Die Grenze wechselt dabei zwischen Niedersachsen und Hessen öfter einmal das Ufer, so dass uns nicht immer klar war, wo wir uns gerade befanden. An der Landschaft oder der Bebauung waren jedenfalls keine landsmannschaftlichen Unterschiede zu erkennen. So passierten wir auch unbemerkt das Dreiländereck kurz hinter Bad Karlshafen auf dem Weg nach Beverungen, der ersten Stadt Nordrhein-Westfalens an der Weser. Bevor wir dort ankamen, wechselten wir noch mit einer kleinen Fahrradfähre bei Würgassen ans westliche Ufer. Nach einem kurzen Abstecher durch die Altstadt von Beverungen fuhren wir ufernah und auf eigenen Wegen nach Höxter, vorbei am Schloss Fürstenberg, das am Steilhang weithin sichtbar über einer Flussschleife der Weser thront. Kurz vor Höxter gönnten wir uns am Godelheimer See mit seiner gut ausgebauten Freizeitinfrastruktur noch eine kleine Pause und einen Toilettenstopp. Danach sahen wir uns die Innenstadt von Höxter an, die zwar gute Einkaufsmöglichkeiten bot, aber leider auch einige nicht immer gelungene Neubauten geprägt war. Wir hielten uns deshalb nicht lange und weiter zum nahegelegenen Kloster Corvey, das im Mittelalter ein wichtiges geistiges und Kulturelles Zentrum in Norddeutschland war und heute eingetragenes UNESCO-Weltkulturerbe ist. Da die Weserpromenade gerade neu angelegt wurde, nahmen wir den direkten Weg über die von hohen Alleebäumen gesäumte Landstraße. Leider war das Kloster selbst wegen einer Veranstaltung  unter Teilnahme des Bundespräsidenten zum 1200-jährigen Bestehen nicht zugänglich. Wir umrundeten die weiträumigen Klostermauern und machten uns auf den Weg nach Holzminden, nicht weit von hier auf der anderen Seite des Flusses. Hier, in dieser gut erhaltenen Fachwerkstadt waren wir wieder in Niedersachsen. Am Weserufer setzten wir uns eine Weile auf gefederten(!) Liegebänken in die Sonne und brachen auf Richtung Bodenwerder. In diesem letzten Abschnitt des Tages floss die Weser wieder in engen Schleifen durch die Landschaft. Gerne hätten wir diese auch abgekürzt, aber als wir sahen, dass dazu 120 Höhenmeter auf nicht einmal 2 Kilometern zu überwinden gewesen wären, fuhren wir doch lieber unterhalb der Heinsener Klippen am Fluss entlang. Das war auch deshalb eine gute Entscheidung, weil wir hier etwas ganz Besonderes zu sehen bekamen. Wegen Steinschlaggefahr war die parallel laufende Landstraße offenbar schon so lange gesperrt, dass sich die angrenzende Vegetation die Straße bereits wieder zurückholte. In der nächsten Weserschleife bei Dölme beeindruckten uns dann die Felswände des Mühlenberges direkt am gegenüberliegenden Ufer.

 

Bodenwerder war ein kleines, ruhiges Fachwerkstädtchen. Von seiner langen Uferpromenade entlang der Weser hatte man einen schönen Blick auf die gegenüber liegenden Hügel des Weserberglandes. 


Tag 4

Bodenwerder, die Heimat des Barons von Münchhausen, mit seiner malerischen Fachwerk- Altstadt und der schönen Uferpromenade schauten wir uns in der Sonne des nächsten Morgens an. Überall finden sich in der Stadt Hinweise auf sein Schaffen, z.B. zwei Denkmäler mit geteiltem Pferd und ein eigenes Münchhausen-Museum. Wir wechselten nach unserer Stadtbesichtigung auf das östliche Ufer der Weser und blieben dort bis Hameln. Das auf dem Westufer liegende Wasserschloss Hehlen konnten wir deshalb nur aus der Ferne über die Weser hinweg anschauen, ebenso das Kernkraftwerk Grohnde mit seinen zwei imposanten Kühltürmen. Hinter der Energietechnik des letzten Jahrhunderts lugte bereits die Zukunft Form von Windrädern hervor. Kurz danach erreichten wir Hameln mit seiner großen Altstadt, in der überall im Straßenpflaster Steine mit Rattenmotiven an die Sage vom Rattenfänger erinnern. Leider erreichte mit uns zusammen auch der Regen die Stadt, so dass wir uns eine ganze Weile unterstellen mussten. Der Regen verfolgte uns noch bis Hessisch Oldendorf. Das lag trotz des Namens nicht in Hessen, sondern in Niedersachsen. Ab hier war -zumindest auf dem Land- die typische norddeutsche Baukultur zu erkennen, denn die Gehöfte waren nun plötzlich in rotem Klinker ausgeführt. Auch in der Altstadt von Rinteln, unserem Tagesziel, war diese Bauweise schon vertreten. 


Tag 5

Am nächsten Tag lag ein eigentlich sehr spannender Abschnitt des Weserradwegs vor und. In einem weiten Bogen suchte sich der Fluss seinen Weg durch das Wesergebirge um danach in die norddeutsche Tiefebene zu fließen. Vor Vlotho wurde es noch einmal hügelig und wir mussten ein paarmal auf und ab fahren. Nachdem wir In Vlotho holte uns dann leider wieder der Regen ein. Dadurch war auch der Weserdurchbruch bei der Porta Westfalica für uns kein echtes Erlebnis. Weitere schwere, dunkle Wolken zogen heran und wir beeilten uns, nach Minden, unserem heutigen Etappenziel zu kommen. Am Abend beruhigte sich das Wetter etwas und wir konnten noch einen Rundgang durch die Altstadt machen. Es war erkennbar, dass Minden einmal eine sehr bedeutende Stadt gewesen sein muss. Allerdings hat Minden im Laufe der Zeit auch viele architektonische Zeugen früherer Epochen eingebüßt und ist an einigen Stellen stark geprägt durch den leider nicht immer gelungenen Städtebau der letzten 60 Jahre. 

Tag 6

Neuer Tag, neues Glück. Heute war das Wetter etwas stabiler. Frisch, aber wenigstens nicht so regnerisch. Wir fuhren weiter entlang der Weser bis Petershagen durch weite, grüne Flussauen. Nach all den dunkelgrünen, dicht bewaldeten Bergen und Hügeln empfanden wir diese typisch norddeutsche, flache Landschaft als willkommene Abwechslung. In Petershagen gönnten wir uns noch einmal eine Pause und holten uns beim Bäcker etwas zu essen. Danach überquerten wir noch ein letztes Mal die Weser und fuhren noch ein Stück am Ostufer nach Norden in die "Windheimer Marsch". Zunächst waren wir wegen einiger im Gelände stehender Bundeswehrfahrzeuge irritiert, ob wir in dieses kleine Seengebiet überhaupt hineinfahren können, aber da die Soldaten sich nicht gemuckst hatten, war das wohl in Ordnung. Nach dem einsamen Schutzgebiet verließen wir kurz vor Stolzenau die Weser in Richtung Osten. Wir wollten nach Hannover, um von dort aus mit dem Zug möglichst einfach zurück nach Berlin zu kommen. Allerdings konnten wir nun nicht mehr einfach den Radwegbeschilderungen folgen, wie vom Weserradweg gewohnt. Wir mussten experimentieren.  Um nicht an der Hauptstraße fahren zu müssen, suchten wir uns einen Weg durch ein großes Waldgebiet. Wie sich herausstellte, handelte es sich um den Klosterforst des Klosters Loccum. Diese schöne Klosteranlage hatten wir eigentlich gar nicht auf dem Zettel, aber es wäre schade gewesen, hätten wir sie nicht zufällig entdeckt. Die nächste Überraschung erlebten wir wenige Kilometer danach, als es plötzlich noch einmal richtig bergauf ging. Die Rehburger Berge -nie gehört. Das kommt davon, wenn man sich nicht gut vorbereitet... aber hinter Bad Rehburg gab es dafür auch noch einmal eine richtig schöne bergab-Sause. Unten angekommen ging es flach weiter ins Hagenburger Moor und die Meerbruchswiesen, ein ausgedehntes Feuchtgebiet westlich des Steinhuder Meeres.  Als wir diesen größten See Niedersachsens erreichten, konnten wir verstehen, warum hier der Begriff "Meer" gewählt wurde. Spiegelglatt lag das endlos weite, tiefblaue Wasser in der Abendsonne vor uns. Trotz der eiskalten Luft einer der besonderen Momente auf dieser Radreise. Die Ruhe des Sees übertrug sich förmlich auf uns. 

Nach einer schönen Fahrt entlang des Ufers erreichten wir Steinhude, das touristische Zentrum der Region. Trotz der vielen Besucher hatte der Ort seinen Reiz als Fischerdorf erhalten und wir genossen die abendliche Urlaubsatmosphäre am See.

Tag 7

Am letzten Tag fuhren wir zunächst nach Wunstorf. Immer im Blick hatten wir dabei den weithin sichtbaren, schneeweißen Kaliberg Bokeloh. Hinter Wunstorf nutzten wir den Uferweg des Mittellandkanals und wechselten kurz vor Hannover an den Fluss Leine, der uns zu den Herrenhäuser Gärten führte. Von der großen barocken Parkanlage führte dann die schnurgerade Herrenhäuser Allee in die Hannoveraner Innenstadt. Von da aus ging es nur noch zum Bahnhof - und damit endete dann auch die Reise.

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