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Planungshilfe Bahnfahren mit Rad


Der Sommer naht und die große Tour will geplant werden. Wer das schon öfter gemacht hat, wird wissen, dass die Planung der An- und Abreise mit der Bahn zu den größten Herausforderungen bei einer Radwanderung gehört. Hier empfiehlt es sich, ausreichend Zeit und Arbeit zu investieren, denn mit dem Start und dem Endpunkt steht und fällt schließlich die gesamte Fahrradstrecke. Schon oft bin ich mangels geeigneter Bahnverbindung am Ende ganz woanders gelandet, als Anfangs geplant war. Für alle, die sich früher oder später auch mit diesem Problem herumschlagen müssen und vielleicht noch keine große Erfahrung damit haben, habe ich hier ein paar Tipps für die Planung der Bahnanreise zusammengestellt.

 

Bevor ich mich an mein Lieblingsprogramm, den "Bikerouter" setze, um mögliche Reiserouten zu digitalisieren, gehe ich immer von verschiedenen, halbwegs mit der Bahn erreichbaren Startpunkten aus. Von dort aus suche ich in der Reichweite meiner für das Rad angedachten Streckenlänge einen Endpunkt, bei dem eine Rückreise mit der Bahn machbar erscheint.

 

Gleis 1 und Gleis 2 - nicht immer am selben Bahnsteig
Gleis 1 und Gleis 2 - nicht immer am selben Bahnsteig

Bei  Hin- und Rückfahrt achte ich darauf, nicht mehr als einmal umzusteigen. Denn Umsteigen, meist verbunden mit  Wechsel zwischen verschiedenen Bahnsteigen, mit Aufzugfahren oder noch schlimmer Treppen (!), macht mit  Rädern und Taschen nicht nur keinen Spaß, sondern bedeutet neben Stress auch (zumindest im Fernverkehr) ein nicht zu unterschätzendes Risiko nicht weiterzukommen.


Umgang mit der Internetauskunft der Bahn

Um Verbindungen mit nur maximal 1x Umsteigen zu finden, braucht es viel fummelige Recherche und Erfahrung, wie die Suchmaschinen der Bahn (Bahn.de, DB Navigator) so ticken. Manchmal muss man sie überlisten, damit sie die Informationen preisgeben, die benötigt werden.

Also, was ist zu tun?

  1.  Fang früh an - aber auch wieder nicht zu früh. Manche Verbindungen sind zu weit im Voraus (insbesondere Ausland) noch nicht im Netz. Die Sparpreise im Fernverkehr der Bahn sind außerdem nur ein halbes Jahr im Voraus buchbar. Da sie aber mengenmäßig begrenzt sind, gehst Du leer aus, wenn Du zu spät kommst. Und die Fahrradstellplätze sind oft bereits Monate im Voraus ausgebucht.
  2. Längere oder langsamere Bahnstrecken, die mit nur einem Umstieg möglich wären,  bietet die Suche der Deutschen Bahn oft nicht an. Ich suche deshalb inzwischen in kniffeligen Fällen nicht mehr die gesamte Strecke, sondern kombiniere selber die Streckenabschnitte. Dazu nutze ich eine selbst gemachte Übersichtskarte (siehe weiter unten) und starte meine Abfrage gleich vom ersten Umstiegspunkt aus (Du kannst auch bei der Gesamtstreckensuche der Reiseauskunft der Bahn diese bestimmten Orte als Zwischenhalt eingeben). Dann gibt es zwar auch mal einen längeren Aufenthalt oder eine längere Reisezeit, aber besser als zweimal umsteigen. 
  3. Wenn es doch mehrere Umstiege werden (müssen), dann suche ich mir im Zweifel auf der Hälfte der Verbindung einen Ort aus, an den ohnehin umgestiegen werden muss, und der einen Aufenthalt lohnt. Dann übernachte ich dort und reduziere so den Umsteigestress pro Anreisetag. Am Abend mache ich Sightseeing und genieße die Urlaubsstimmung. Wenn die Strecke mit der Bahn sehr lang ist bietet sich das Zwischenübernachten auch an, um nicht ganztägig im Zug zu sitzen.
  4. Bei meiner Suche auf der Seite der Reiseauskunft der Bahn  passe ich immer mit drei wichtigen Häkchen an:
  • Nimm den Haken bei "Schnellste Verbindungen anzeigen" raus, sonst zeigt man Dir nicht alle Verbindungsoptionen an, sondern eben immer nur die schnellste. 
  • Setze einen Haken bei "Verbindungen mit verfügbaren Fahrradstellplätzen anzeigen", damit man Dir anzeigt, ob bei reservierungspflichtigen Zügen die Fahrradplätze schon belegt sind. Wenn man Dir dann aber für die Gesamtstrecke anzeigt "Fahrradstellplätze besetzt", dann sieh Dir die die einzelnen Abschnitte jeweils als Direktverbindung an. So findest Du raus, ob die Fahrradplätze vielleicht nur auf einer Teilstrecke belegt sind. Für die kannst Du dann nach einer Alternative gucken, einer früheren für den ersten Abschnitt oder einer späteren für den zweiten Abschnitt, je nachdem welcher Teil belegt ist (dadurch verlängert sich natürlich auch die Umstiegszeit).
  • Ich empfehle Dir auch, unter "Zwischenhalt" die "Umsteigezeit" auf "mindestens 25 Minuten" einzustellen, besser noch mehr. Denn unter dieser Zeit klappt der Wechsel mit Rädern und Gepäck nur, wenn der andere Zug am Bahnsteig gegenüber steht. Das dürfte so gut wie nie der Fall sein. Lass Deinen Zug noch verspätet sein, dann ist es mit dem Anschluss ganz vorbei. Und wenn der Anschluss wiederum ein reservierungspflichtiger Zug ist, steht in den Sternen, ob Du mit einem der folgenden Züge weiterkommst. 
Wenn Dir das alles zu theoretisch ist, wie wärs mit einem Planungsbeispiel ?

Du kannst aber auch direkt bei Inside.bahn.de oder bahn.de nachschauen, welche Tipps die Bahn für Dich hat. Was es ansonsten bei der Anreiseplanung für eine Radreise zu beachten gilt und weitere Infos für die Bahnfahrt findest Du hier auf Bummelrad unter der Rubrik Anreise


Buchungschaos

Technisch dürfte es eigentlich ein leichtes sein, die Bahnseite um eine spezielle Abfragefunktion für Fahrradreisende und komfortable Buchungsmöglichkeiten zu ergänzen, aber die Bahn hat leider dieses Bedürfnis bislang nicht weiter zur Kenntnis genommen. Sie schafft es seit Jahren nicht einmal, dass man sich die Fahrradplätze für Auslandsfahrten im Internet selbst buchen kann. Das hier  bekommt man am Ende zu sehen, wenn man sich für eine Fahrt ins Ausland durch die gesamte Anmelde- und Buchungsprozedur durchgeklickt hat:

 

wichtige Info ganz zum Schluss...
wichtige Info ganz zum Schluss...

Warum die Bahn nicht einfach gleich am Anfang mitteilt, dass ihre selbst definierten Voraussetzungen nicht erfüllt werden, wenn man eine Auslandsverbindung eingibt, bleibt ihr Geheimnis.

Bleibt also nur, eine  DB Agentur oder ein Reisebüro zu bemühen und saftige Aufschläge in Kauf zu nehmen, zum Bahnhof mit Reisezentrum zu fahren oder die  Radfahrerhotline anzurufen, um die Tickets telefonisch zu buchen.

 

Vorausgesetzt man findet deren Nummer auf der Bahnseite. Unter diesem Begriff taucht sie nämlich nirgends auf. Stattdessen ist sie ein Untermenü der allgemeinen Servicehotline 030 2970. Dort hat die Radmitnahme nicht den aller höchsten Stellenwert, deshalb darf man sich dann minutenlang andere Auswahloptionen und aktuell auch ukrainische Serviceansagen anhören, bevor endlich die Nummer genannt wird, durch die man weitergeleitet wird. Am besten, man hat für das Gespräch dann schon alles rausgesucht, was man haben möchte, denn für endlose Beratungsgespräche fehlt bei einer Hotline natürlich die Zeit. Stornierbare Tickets kannst Du dort aber nicht buchen (nur "Super Sparpreis" oder"Flexpreis). Die Tickets bekommst Du dann per Post innerhalb von 3-5 Tagen, mit PIN ausdrucken am Bahnhof oder elektronisch geht nicht mehr.

  

Und noch ein Tipp: Wenn Du dich zierst, sämtliche Kreditkarteninformationen (Kartennummer, Prüfnummer, Gültigkeit) in einem ungesicherten  Telefonat preiszugeben (das zu Schulungszwecken übrigens auch aufgezeichnet werden kann), dann solltest Du Dich besser gleich beim Lastschriftverfahren bei der Bahn anmelden. Andere Zahlungsweisen sind nicht vorgesehen. 

 

Auch im Nahverkehr eine Fahrradkarte im Internet zu bekommen, kann einen zur Verzweiflung bringen. Die Buchungsoption ist online nämlich so gut versteckt, dass viele sie gar nicht kennen (ich habe selbst noch im Mai 2022 die Nahverkehrs-Fahrradkarte am Bahnhof gekauft - inzwischen weiß ich, dass es die hier gibt) 


Die Anreise von Berlin aus

Da die An- und Abreise jedes Mal ein echtes Problem ist, habe ich mir im Programm "uMap" eine Karte gebastelt, auf der ich alle in Frage kommenden Start- bzw. Endbahnhöfe eingetragen habe, und zwar markiert nach dem Grad ihrer Erreichbarkeit mit Rädern in der Bahn von Berlin aus. Die Kategorisierung erfolgte dabei nach folgenden Kriterien, die für die Reiseplanung wichtig sein können:

  • Regionalbahnen (Direktverbindungen i.d.R. ohne Rad-Reservierung)
  • Direktverbindungen (EC, IC, ICE, Reservierung erforderlich)
  • 1x Umsteigen (unabhängig vom Zugtyp)

Ich habe zuerst die Direktverbindungen herausgesucht und ausgehend von diesen Bahnhöfen nach attraktiven Direktverbindungen im Anschluss gesucht (welche Verbindungen von wo nach wo das genau sind, will  ich nach und nach einpflegen). Wer weiter muss, kann bei der Recherche die Kette nach gleichen Muster weiter aufbauen und dann wahrscheinlich bis Wladiwostok kommen... dauert halt nur ein bisschen. Was auch noch wichtig zu wissen ist: nicht jeder Direkthalt von Berlin bis Sonstwo ist in der Karte vermerkt, sondern nur die am weitesten entfernten Zielbahnhöfe und eine Auswahl interessanter Orte auf der Strecke.

 

So eine Karte kannst Du Dir von jedem beliebigen Wohnort natürlich auch selber basteln. Wenn Du aber auch aus Berlin und Umgebung startest, kannst Du gerne auf meine Karte zurückgreifen (aber ohne Gewähr):

 

Du kannst in der Karte am linken Rand die Ebenen ansteuern und die Bahnhofskategorien an- und abwählen, dann wird es etwas übersichtlicher.  Direkte Regionalverbindungen, für die in der Regel keine Reservierung erforderlich ist, erscheinen rosa. Direktverbindungen im Fernverkehr werden rot angezeigt, und alle Orte, die mit einmal Umsteigen erreichbar sind, in hellrot. Die Berliner Startbahnhöfe sind grün.

 

Die Karte gibt einen Überblick, wo Du von Berlin aus relativ unkompliziert hinkommst, sie ist aber natürlich keine Fahrplanauskunft. Die Zugverbindungen musst Du Dir also bei der Reiseauskunft der Bahn aktuell selber raussuchen. Aber den Startbahnhof Berlin, den kennst Du ja schon. Du brauchst also nur noch den Zielbahnhof eingeben und musst dann noch die drei wichtigen Häkchen anpassen.

 


BRouter

Falls Du nebenbei nochmal schauen möchtest, wie es von deinen Bahnhöfen aus mit dem Rad weitergehen könnte, habe ich Dir hier nochmal den BRouter eingebunden.

Du kannst deine Strecke direkt hier als Punktekette eingeben, für die dann die konkrete Strecke nach Trekkingradkriterien rausgesucht wird. Zum Beenden der Eingabe musst Du links das blaue Stiftsymbol deaktivieren.

Wenn Du CyclOSM als Hintergrundkarte haben möchtest, kannst Du das  am rechten Rand einstellen oder direkt zum Anbieter des BRouter wechseln. 

(Danke an alle Beteiligten für diese Anwendung!)


Planungsbeispiel

Natürlich bin ich nicht zufällig auf die Idee gekommen, diesen Beitrag zu schreiben. Ich sitze nämlich gerade selber vor dem Bildschirm und versuche Bahntickets für die Sommerreise 2022 zu buchen. Da bietet es sich an, das Ganze mit meinem praktischen Beispiel etwas anschaulicher zu machen.


Es geht um die Rückreise aus Italien nach 3 Wochen Radreise durch die Alpen und die Poebene...

Toll. Ein Direktzug aus Rimini bis nach München. Morgens nicht zu früh los, 1x umsteigen, Mitternacht in Berlin. 13,5 Stunden sind wirklich o.K. für die Strecke. Aber leider ein klassischer Fall einer zu knappen Umsteigezeit. Auch wenn München zum Umsteigen der perfekte Bahnhof ist (keine Aufzüge oder Treppen  zum Gleiswechsel nötig!), muss man in dieser Zeit aus dem Zug kommen, sich orientieren, und möglicherweise ganz ans andere Ende des neuen Zugs (das können schon mal 200 bis 400 Meter sein). Das wird also sportlich. Und dann überleg mal, ob Du die Wette halten willst, dass ein Zug aus Italien, der 8 Stunden unterwegs ist, pünktlich kommt. Also besser nach Alternativen umschauen...

Für die Verbindung danach braucht es plötzlich drei Umstiege. Und wieder nur 23 Minuten Umstiegszeit in München. Aber wenn man den Zug aus Rimini um 10:34 Uhr nähme, dann hätte man 3,5 Stunden Zeit in München, könnte dort essen und um 22:50 im Nachtzug schlafen gehen. Morgens in Hannover fix noch einmal umgestiegen, wäre man  um 9:10 in Berlin und könnte gleich zur Arbeit (wenn es unbedingt sein muss). Der neue Tag beginnt also fast zur selben Zeit, wie bei der anderen Verbindung, nur dass man nicht erst um 1 Uhr nachts ins Bett geht und  die Umstiege sich gleichmäßig auf zwei Tage verteilen. Kann man sich also überlegen.

 

Allerdings kostet ein Nachtzug mit Liegeplatz auch mehr, und dort bräuchte ich nicht nur Fahrradstellplätze, sondern auch noch ein freies Schlafabteil. Erfahrungsgemäß keine leichte Sache...

 

Bleibt noch eine Dritte Alternative, nämlich in München Übernachten und am nächsten Tag weiterfahren. Dann ist man aber definitiv später in Berlin und hat mit der Übernachtung auch nochmal höhere Kosten, als mit dem Nachtzug (im konkreten Beispiel wären die nächsten freien Fahrradstellplätze erst im Zug um 10:55, d.h. Ankunft in Berlin um 15:29). Andererseits bliebe noch zeit für einen Abendbummel und ein schönes Abendessen als Reiseabschluss. 

 

Ich habe mich für die letzte Variante entschieden. Übrigens, vier Wochen vor Fahrtantritt war von München nach Berlin für Fahrräder tatsächlich schon wieder alles ausgebucht, es war nur noch ein einziger Zug frei.

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